Mein Arbeitsweg, die Touristenattraktion

Mein täglicher Arbeitsweg ist eine Touristenattraktion. Das klingt jetzt toll. Ist es aber nicht immer. Seit 1333 ist die Kappelbrücke die kürzeste Verbindung zwischen Alt- und Neustadt. Heutzutage ist ein Duchkommen aber oft alles andere als schnell und praktisch.

Schon von weitem sehe ich eine Horde Asiaten auf mich zukommen. Angeführt von einer Dame in schickem Kostüm und einem Stofftier, dass sie auf einen Selfie-Stick montiert hat. Damit die Reisegruppe sie nicht aus den Augen verliert. Das Holz knarrt unter meinen Füssen. Absätze klappern. Je näher die Gruppe kommt, umso lauter wird es. Wildes Geplapper in einer exotischen Sprache, die ich nicht identifizieren kann. Ich kneife meine Augen zusammen. Ein Blitzlichtgewitter donnert über mich herein, auch wenn ich nicht das Motiv bin. Auf alle Seiten wird wild geknipst mit modernsten Apparaten in allen Grössen und Formen. Posieren vor dem Wasserturm, Posieren mit See und Bergen im Hintergrund. Jetzt nur die Kinder. Dann nur die Frauen. Zum Schluss noch die ganze Gruppe. Und die obligaten zwei Finger als „Victory“ Zeichen dürfen natürlich auf keinem Foto fehlen. Ich bin mitten drin und versuche mich durch den Strom wild gewordener Touristen zu kämpfen.

Irgendwann habe ich es geschafft. Ich atme auf.

Doch die nächste Gruppe nähert sich schon. Eine Schulklasse. Die Klasse scheint etwa gleich gross wie die Touristengruppe vorher zu sein. Sie kommen auf mich zu gerannt  bewaffnet mit Schultasche, Lollipops und Kaugummis. Das prächtige Panorama interessiert die Sprösslinge kaum. Die Schüler scheinen es eilig zu haben und stürmen an mir vorbei. Im letzten Moment kann ich mich an die Holzbalken schmeissen, um nicht überrannt zu werden.

Und dann, für ein paar Sekunden nur, ist es plötzlich ganz idyllisch auf dieser Holzbrücke. Unter mir rauscht der Fluss, über mir singen die Vögel. Die Sonnenstrahlen dieses Frühlingstages dringen durch die Ritzen des Dachs und zeichnen schöne Schatten auf die Holzbalken. Blumenduft. Ich atme tief ein und geniesse die Ruhe für einen Moment. Dann gehe ich weiter. Mir kommen ein paar andere Städter entgegen. Wie ich benützen Sie die Brücke nur dafür, um sie zu überqueren. Dafür wurde sie schliesslich gebaut. Ich bin jetzt etwa in der Mitte der Brücke und der Rummel geht weiter.

Eine muslimische Familie nähert sich. Die Mutter ist in schwarze Tücher verhüllt, nur Ihre Augenpartie und die Hände sind sichtbar. Darin hält sie das neueste I-Phone 6 in Gold und filmt im Gehen das Panorama. Sozusagen als Sicherungskopie, macht der Vater genau dasselbe. Nur ist sein I-Phone schwarz. So schwarz wie die Kleidung seiner Frau. Die Kinder klettern an der Brüstung hoch, doch die Eltern sind zu vertieft in Ihren Smartphones. Erst im letzten Moment lärmt die vermummte Frau irgendetwas Arabisches und hebt erbost den Finger. Die Kinder klettern schnell hinunter und gehen an mir vorbei.

Und so geht es immer weiter. Ich passiere ein paar junge Amerikaner, die Selfies knipsen. Der Hintergrund rückt wortwörtlich in den Hintergrund. Wichtig ist, dass sie selber perfekt abgelichtet werden. So werden Sonnenbrillen aufgesetzt, Lippenstift nachgezogen, Haare drapiert. Dann den Arm möglichst lang machen und „klick“.

Es folgen noch ein paar verliebte Pärchen, Jung und Alt, aus allen Herrenländern. Und alle sind sie am Fotografieren.

Langsam nähere ich mich dem Ende der Brücke. Für mich ist die fast 700 Jahre alte Holzbrücke nur ein Weg zum Ziel. Für die meisten anderen, die heute Morgen auf dieser Brücke verweilen, ist sie ein Ziel. Sie sind genau deswegen angereist. Ich nehme mir vor, ab jetzt diese schöne Brücke auch ein wenig als Ziel zu sehen. Und nicht nur als Weg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.