Leggins statt Tiefschutz und Pirouetten statt Bandenchecks

Nein, als Sportfan würde ich mich nicht bezeichnen. Diese Euphorie, wenn Mannschaft A gegen Mannschaft B spielt, und am Ende Mannschaft A (oder eben auch B) gewinnt, bleibt bei mir komplett aus. Die Menschenmasse drum herum, die lautstarkes Gejohle mit Biergeschmack versprüht, löst in mir Unbehagen aus.

Trotzdem habe ich es gewagt: Ich habe tatsächlich einen Fuss in ein Eishockey-Stadion gesetzt. Eine Premiere für mich. Und nein, ich habe das Gebäude nicht innerhalb der ersten Viertelstunde fluchtartig wieder verlassen.
Der Einlass läuft überraschend ruhig und gesittet ab. Auf das Körper-Abtasten und Handtasche-Durchleuchten wird ganz verzichtet. Etwas unsicher suche ich unter den durchnummerierten Plastiksitzen meinen reservierten Platz. Statt Bier und Bratwurst gibt’s für mich Weisswein und Popcorn.

Dann geht’s los. Licht aus, Musik an, die Zuschauer stehen auf. Die Stars des Abends rasen in Schlittschuhen über das Eis.
Heute spielt Russland. Doch etwas ist anders. Statt Schutzausrüstung, Helm und langen Bärten tragen die Männer weisse Leggins, Glitzerhemden und zurück-gegeelte Haare. Das russische Staatsballett! On Ice. Sie führen Tchaikovskys „Nussknacker“ auf.
Vom Himmel schneit es Watte, Primaballerinas drehen in weissen Tütüs munter ihre Pirouetten um die Leggins-Männer herum. Ich lausche der klassischen Musik und hoffe dabei, dass sich heute kein Eishockey-Fan ins Stadion verirrt hat.

Das Stück erzählt die Geschichte eines Mädchens, das zu Weihnachten das langweiligste aller Geschenke kriegt: Einen Nussknacker. Im Traum aber erwacht ihr Nussknacker zum Leben und verwandelt sich in einen wunderschönen Prinzen.
Vielleicht sind auch im echten Leben die vermeintlich unscheinbaren Dinge die ganz tollen?
Immerhin hat sich für mich heute Nacht das Eishockey-Stadion in ein Ballett verwandelt und aus den haarigen Eishockey-Spielern sind wunderschöne Prinzen geworden.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.